L´apotheque & Playboy
Myriam Karsch, die Chefin von Playboy Deutschland ist die Schirmherrin von L´apotheque.Dazu von Gründerin, Anna Genger, eine Stellungname.

„Die Frau hat das Recht das Schafott zu besteigen; sie muss gleichermaßen das Recht haben, die Tribüne zu besteigen […]“ 

Déclaration des droits de la femme et de la citoyenne, 5.September 1791, 

Olympe de Gouges.

Das Playboy Magazin positioniert sich seit seiner Gründung konsequent optimistisch in dem es die Schönheit der Frau unermüdlich zelebriert. Hugh Hefner hat die Frauen in seinem Magazin als Inbegriff der sexuellen Befreiung bezeichnet. Fotos von nackten Körpern, der offene Umgang mit Sexualität - das alles waren Tabus, mit denen die sexuelle Revolution der 1960er- und 70er-Jahre gebrochen hat. Hefner war immer stolz, mit seinem Magazin dazu einen vermeintlichen Beitrag geleistet haben zu können.

Wir sind inmitten einer Zeit, die nach der zu Kenntnisname der jahrtausendelangen Unterdrückung der Frau sich, zumindest im Rahmen abendländischer Kultur, verzweifelt im Schutzbemühen derselben verliert und so weg von der hart erkämpften Freiheit wieder zur Prüderie zurückkehrt. Die britische Journalistin, Moderatorin und Transgender Aktivistin Paris Lees schreibt in ihrem Artikel von November 2014 für das VICE Magazin „There’s a New Prudery in Feminism and I Hate It.“ über ihre Abneigung gegenüber der zunehmenden Neo-Prüderie in unserer Gesellschaft und dass sie nicht Teil eines Feminismus sein möchte, der bevormundend eine Selbstsexualisierung verbietet im Glauben es besser zu wissen. 

„I'm getting increasingly sick this neo-prudery, and I don't think I'm the only one. If you don't want to be seen as a sex object and desire sex that is bland and emasculated, fine. Choose a partner who can give you that. Or celibacy. But many of us are just animals. We like animal sex and the mating game that leads up to it. Don't try to impose your prudery and body fascism onto other people anymore than you'd want them to impose their values on you.“

Sie fordert die Unterlassung des Aufzwängens der eigenen körperfaschistischen Prüderie, wenn im Gegenzug auch keine Oktroyierung fremder Werte auf anderer Seite gewünscht wird.

Der freie Wille ist etwas unheimliches, denn er schließt ein bevormundendes Regulativ aus.

Aber nur ohne diese regulierende Bevormundung kann eine absolute Freiheit Einzug in unsere Gedankenwelten halten.

Ein Teilaspekt des Feminismus beschäftigt sich mit genau dieser Selbstbestimmung aller Menschen jeglichen Geschlechts. Diese Gleichberechtigung ist ein wichtiger Wesenskern der Menschenwürde und sie anzustreben kann nur durch eine Veränderung der traditionellen Geschlechterrollen und der männlich geprägten Lebensform und Kultur erfolgen.

Simone de Beauvoir schrieb in ihrem feministischen Standardwerk »Das andere Geschlecht« darüber wie ein Weltbild aus männlicher Perspektive mit absoluter Wahrheit verwechselt wird.

73 Jahre später ist die Zeit gekommen, die Chance zu nutzen binäre Positionierung durch einen visionären Blick in die Zukunft zu ersetzen. Der selbstbewusste Einblick in eine freiheitsgetriebene Sexualität, die stark, unabhängig und selbstsicher ist.

Die Journalistin und Autorin Michèle Roten spricht in ihrem Buch „wie mit (m)einem Körper leben“ darüber, wie sie im Umgang mit sich selbst alle möglichen Empfindungen erleben möchte. Sie differenziert zwischen körperlichen und geistigen Erfahrungen, die sie in ihrer Entwicklung geprägt haben und macht keinen Halt vor mitunter peinlich berührenden persönlichen Offenbarungen. Die Erkenntnis wie wichtig es ist von ihrem eigenen Körper zu erzählen und dabei durchaus zu polarisieren ist banal, aber gerade deshalb so wichtig. Je mehr Frauen (darüber) sprechen, desto mehr verändert sich das Narrativ. Roten stellt in einem Interview über ihr Buch, genauso wie Lees, fest sie wolle nicht, dass neue Zwänge entstehen durch eine Bewegung, die uns frei machen sollte.

Und das ist eine, vielleicht die wichtigste, Erkenntnis: Die bedingungslose Freiheit mit seinem Körper tun und lassen zu dürfen, was man selber möchte. 

Die neue Generation Frauen macht es uns vor und lebt diese Liberalisierung mit der nötigen Selbstverständlichkeit, die es braucht um glaubwürdig und authentisch zu sein. 

Die junge Influencerin Medusa Stoner zum Beispiel bringt es in einem kurzen Video auf Instagram in dem sie sich an ihre Fans wendet gut auf den Punkt. Sie sagt sie zeige sich nackt, nicht um von den Betrachter:innen sexualisiert zu werden, sondern um andere Frauen zu ermutigen sich zu ihrem Körper zu bekennen und ihn rundum zu akzeptieren und wenn sie mögen ihn auch zeigen zu dürfen. Es ist nicht an der Audienz der Protagonistin ihr eine Intention in den Mund zu legen, nur weil eine bestimmte Interpretation besonders gut zu der eigenen sozialen Prägung, Erfahrung oder dem Lebenskonzept passt.

Die Selbstdarstellung kann zu einem künstlerischen Akt stilisiert werden. Stoner beschreibt jedes Photoshooting als eine Performance auf die sie sich emotional und celebral vorbereitet. Das Annehmen einer Rolle suggeriert, dass nur eine Facette des eigenen charakterlichen Portfolios den Betrachter:innen offeriert wird und das ist auch gut so. Es ist eine Anmaßung zu glauben, nur weil wir eine Momentaufnahme sehen und die als sexy, schön, aufregend oder vielleicht auch total abstoßend empfinden, dass unserer „gaze“ allumfassend versteht.

Der Phenomeloge Maurice Merlau Ponty sagt, dass wir neurologisch gezwungen sind unsere Echtzeiteindrücke auf Erfahrungen und Erinnerungen basierend zu interpretieren. Würden wir ohne diese Schlüssel unbedarft auf alles immer wieder neu reagieren funktionierte keine soziale Interaktion. Einfach aus Zeitgründen. Wenn man das weiß, kann man damit bescheiden umgehen,  versuchen sich viel Neugierde zu bewahren und es frei mit  Sokrates‘ Worten ergänzen: wir wissen, dass wir nicht(s) wissen. 

Ein einheitlicher Feminismus, dessen Definition universale Gültigkeit besäße, ist nicht das erstrebenswerte Ziel, da die Divergenz gesellschaftlicher und kultureller Prägung deutlich gravierender greifen kann als die geschlechtliche. Es ist ein ansprechender Ansatz Feminismus oder in dem Fall Feminismen als (eine der) Denkbewegungen der Moderne zu verstehen, die durch selbstbewusste, selbstreflektierte, ambitionierte Sichtweisen in ihrer Diversität Horizonte öffnen (können).

Die amerikanische Regisseurin Jil Soloway definiert in einem Vortrag von 2016 in dem sie von „the female gaze“ spricht, weitere essenzielle Punkte, die die Argumentation unterstützen, warum es allerhöchste Zeit ist, das Wort Brüderlichkeit nicht nur mit Schwesternschaft zu ergänzen, sondern konsequent durch das mit dem der Menschlichkeit zu ersetzen. 

Soloway propagiert, dass weder der „female gaze“ noch der „male gaze“ zukunftsweisend sind, sondern dass die Vision einer gesundenden menschlichen Zukunft in einem offenen, fluiden Umgang mit Geschlecht operiert.  

Und das hat nichts damit zu tun, dass wir orientierungslose Zwitter sein müssen, sondern dass so wie Chefredakteur Florian Boitin sich in einem Interview auf Hugh Hefner bezieht: Der Gründer des Magazins sich «zeitlebens für die Freiheit des einzelnen stark gemacht» hat und gegen «jegliche Form von Ausgrenzung und Intoleranz eingetreten» sei. 

Absolute Freiheit bedeutet per Definition aus heutiger Perspektive möglicherweise mehr als Hefner sich damals überlegt hat, aber das ist auch nicht so wichtig.

Der Zustand der Objektifizierung der Frau wird von der Soloway interessanterweise als ein „nicht im eigenen Körper sein“ beschrieben. 

Sie sagt, dass eine weitere patriarchalische Problematik der Vergangenheit war, dass Frauen gespalten personifiziert wurden. Damit meint sie entweder als Heilige oder Hure. Ehefrau, Mutter oder Geliebte. 

Wenn Playboy es schafft Frauen so zu zeigen, dass nicht entschieden werden muss, weder von ihnen selbst oder von anderen, ob sie „Madonna“ oder „Whore“ sind und das mit dem damit eng zusammenhängenden Bestreben einer bewussten Aufhebung dieser paralysierten Selbstwahrnehmung kombiniert werden kann, dann sind durchaus gute Weichen für eine offenere Zukunft gestellt.

Liberté. Égalité. Humanité.

To be human is to love


Even when it gets too much


I'm not ready to give up



And the rain it falls, rain it falls


Sowing the seeds of love and hope, love and hope


We don't have to stay here, stuck in the weeds

Die australische Sängerin und Songschreiberin Sia (Kate Isobelle Furler) fasst diese Anliegen in ihren Liedern “To Be Human” und “Courage to Change” ganz gut zusammen. Sie singt in „To be Human“: menschlich zu sein heißt zu lieben und das, auch wenn es zu viel wird, aufgeben keine Option ist. Nie sein darf. In „Courage to Change“ knüpft sie an diesen Gedanken an, denn wenn wir die Samen der Liebe und Hoffnung sähen, geschieht ein Wachstum, raus aus dem Unkraut der Engstirnigkeit. 

Rein into a playful Gaze. It’s about time.


L´apotheque & Playboy
Anna Genger 10 September, 2021
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